Ansprache Ihrer Majestät der Königin, 29. April 2013

Am Vorabend meiner Abdankung möchte ich mich gern an Sie wenden. Einheit und Freiheit waren von alters her die Triebfedern für den Aufbau unseres Staatswesens. In Jahren des Kampfes und des Aufstands gegen Fremdherrschaft war der Klang des Wilhelmus eine Ermutigung:
»Dem vaterland getrawe bleib ich bis in den todt.«
Diese bedingungslose Treue unseres Vaters des Vaterlandes haben seither auch all diejenigen bewiesen, die für unsere Freiheit gekämpft haben. Bis zum heutigen Tag bildet diese Treue die Grundlage unserer vaterländischen Geschichte, die mit dem Haus Oranien verbunden ist.

Seit 1890 ist unsere nationale Einheit mit vier weiblichen Trägern der Krone verflochten. Nach Königin-Regentin Emma, nach meiner Großmutter Wilhelmina - streitbar in Kriegszeiten - und nach meiner pflichtbewussten Mutter Juliana war es mein Auftrag und mein Vorrecht, Ihre Monarchin zu sein. Die verbindende Kraft der vorigen Generationen gab mir dabei Inspiration. In unserer konstitutionellen Monarchie mit der Verfassung als Fundament steht der König für Einheit, dient einer Gesellschaft im Wandel.

Bei der Huldigung schwört der König - vor den Generalstaaten -, die Verfassung zu wahren und die Freiheit und Rechte aller Einwohner zu schützen. Der Verantwortlichkeit der Minister für das Handeln des Königs steht die Pflicht des Königs - im Rahmen der Regierung - gegenüber, sein Handeln mit den Ministern abzustimmen. Demokratisch zustande gekommene Gesetze und Verordnungen werden mit der Unterschrift des Königs legitimiert. Im täglichen Leben kann der König den Respekt für die Demokratie stärken, den Zusammenhalt der Gesellschaft fördern und zur Integration und Selbstentfaltung aller Bevölkerungsgruppen beitragen. Dies erfordert den ungebundenen und vollen Einsatz für alles, was sich - früher oder später, im Großen wie im Kleinen - als allgemeines Interesse unserer Gesellschaft manifestiert. Nicht Macht, persönlicher Wille oder die Berufung auf ererbte Autorität, sondern nur der Wille, der Gemeinschaft zu dienen, kann einer zeitgemäßen Monarchie Inhalt verleihen.

Die Erfüllung dieses Auftrags zielt auf eine Gemeinschaft, in der die Menschen sich miteinander verbunden fühlen. In den vergangenen 33 Jahren durfte ich zahlreichen Landsleuten begegnen, die sich für ihre Mitmenschen einsetzen, Anteilnahme zeigen und ihr Bestes für unser Land geben wollen. Bei den verschiedensten Gelegenheiten habe ich beobachten können, was kreatives Engagement und Beharrlichkeit bewirken können. Für die beeindruckenden Leistungen in Wissenschaft, Kunst und Kultur habe ich große Bewunderung gewonnen. Schöpferische Freiheit und die Erschließung neuer Wege sind für uns alle von wesentlicher Bedeutung. Die Suche von Menschen unterschiedlicher Glaubensüberzeugung oder Lebensanschauung nach Annäherung zueinander hat mich sehr angesprochen, auch als Zeichen von Offenheit und Toleranz.

Unentbehrlich bei alledem war das Vertrauen, das Sie mir in so hohem Maße geschenkt haben. Freude und nationalen Stolz durfte ich mit Ihnen teilen. Ich habe Anteil genommen an Kummer und Sorgen. Mit spontaner Herzlichkeit und Zeichen der Verbundenheit hat mich die Bevölkerung in den Niederlanden und in den karibischen Teilen unseres Königreichs gestärkt. Auch internationale Kontakte jenseits der Landesgrenzen waren wertvoll für ein besseres gegenseitiges Verständnis. Das Wohl und Wehe in der Welt berührt unser Leben. Zahlreiche Bande verbinden uns mit Menschen auf allen Kontinenten. Dies gebietet uns, offen zu sein für andere Lebensweisen und Kulturen.

Das zerrissene Europa trug lange die Narben einer Vergangenheit von Krieg und Gewalt. In der heutigen Zeit stehen friedliche Zusammenarbeit und das Bewusstsein gemeinsamer Interessen im Vordergrund. Entscheidungen der Europäischen Union bestimmen dort unseren Alltag mit, wo es nützlich und notwendig ist. Unser Eigeninteresse verlangt von uns, beizutragen zum Gemeinschaftsinteresse und zur größeren Perspektive einer gemeinsamen Verantwortung in der Welt.

Bei alldem hatte ich das große Glück, mich von Prinz Claus gestützt zu wissen. Sein nüchterner Blick und seine Fähigkeit zur Relativierung waren für mich besonders wertvoll. Mit seinem Einsatz für Raumordnung, Umweltschutz, Entwicklungszusammenarbeit und Kultur hat er die Aufmerksamkeit auf essentielle Gesellschaftsthemen gelenkt. Unsere Söhne hat er schon in jungen Jahren gelehrt, ein offenes Auge für Entwicklungen in der Gesellschaft und für Leid und Not in der Welt zu haben. So hat Prinz Claus auch unser Haus der heutigen Zeit näher gebracht. Womöglich wird die Geschichte erweisen, dass die Wahl dieses Ehemanns meine beste Entscheidung überhaupt gewesen ist.

Seit ich meine Absicht angekündigt habe, aus dem Amt zu scheiden, wurde ich von Bekundungen herzlicher Anteilnahme überwältigt. Dabei wurde auch großes Verständnis für den Wunsch geäußert, meine Aufgabe jetzt dem Prinzen von Oranien zu übertragen. Dank seiner intensiven Betätigung auf nationaler und internationaler Ebene und seines breiten Interesses für aktuelle Entwicklungen ist er in jeder Hinsicht gut vorbereitet. Im Rahmen der Huldigungszeremonie in der Nieuwe Kerk in Amsterdam wird König Willem-Alexander jenen Auftrag annehmen, der für das Amt wesentlich ist: unter Hintanstellung eigener Präferenzen zu handeln und über Partei- und Gruppeninteressen zu stehen. Für diesen Auftrag wird er die Unterstützung und das Vertrauen des niederländischen Volkes erbitten. Dass seine liebenswerte Frau Máxima - mit ihrem großen Herzen und ihrem sicheren Gespür für menschliche Beziehungen - dabei eine besondere Rolle erfüllt, wird von uns allen als Segen empfunden.

Bei der Niederlegung meiner Aufgabe als Monarchin erfüllen mich zuallererst Gefühle tiefer Dankbarkeit. Ohne Ihre herzerwärmenden und ermutigenden Zeichen der Zuneigung hätten die Lasten - die es durchaus auch gegeben hat - sehr schwer gewogen. Zu meinem Abschied möchte ich Ihnen allen gern sagen, dass Ihre Loyalität mir Kraft gegeben hat. Auch in der Zukunft wird Ihre bleibende Nähe mir stets eine Stütze sein.

Nun, da morgen mein ältester Sohn diese schöne und verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen wird, ist es mein inniger Wunsch, dass auch das neue Königspaar sich von Ihrem liebevollen Vertrauen getragen fühlen wird. Ich bin davon überzeugt, dass Willem-Alexander in treuer Hingabe alles tun wird, was eines guten Königs Schuldigkeit ist.